Kunst auf Reisen

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Zurück zu meiner Mitte

Zweieinhalb Monate war ich auf mich allein gestellt, musste alle Situationen alleine bewältigen, ein paar Sachen dazu lernen, mich mit der Technik herumärgern und nicht nur einmal bin ich an meine Grenzen gestoßen.
Jetzt ist der Mann seit drei Wochen wieder zu Hause. Und was soll ich sagen: es ist erst mal wieder ungewohnt. Es ist ja nicht so, dass wir übermorgen nicht seit 30 Jahren verheiratet sind. Und es ist auch nicht so, dass wir in dieser Zeit nicht so manche Zeiten hatten, die wir aus welchen Gründen auch immer getrennt verbracht haben oder verbringen mussten.
Dennoch ist es dieses Mal etwas ganz anderes. Hmmmm….. Ist es das wirklich? Oder kommt es mir nur so vor?

Es ist natürlich so, dass wir in unserer Ivy auf engem Raum leben und so die auch nur kleinste Veränderung viel mehr sehen oder spüren. Und so fallen die Männerstapel viel eher ins Auge, als wenn die in die Werkstatt oder den Keller verbannt werden können. Nicht alles wird wieder dahin geräumt, wo es in den letzten Wochen seinen Platz hatte. Anderes liegt jetzt greifbarer, weil es täglich gebraucht wird. Und auch der Tagesrhythmus ist wieder ein anderer. Man nimmt ganz automatisch Rücksicht auf die Ruhe und Erholung, die der Partner noch braucht. Zu Zeiten, in denen man sonst gewuselt hat, ist man leiser. Die Hunderunden sind kleiner, weil er mitgehen möchte, aber noch nicht so fit ist. Und da jetzt auch mehr Wasser verbraucht wird und aufgefüllt werden muss, mehr eingekauft wird, mehr Wäsche anfällt und auch Schmutzwasser und Toilette öfter geleert werden müssen, habe ich auch mehr „Beschäftigung“. Lesen im Bett ist nicht mehr so machbar, da der Mann dann nicht einschlafen kann. Dafür hört man Nachts Netflix, weil er wegen Schmerzen stundenlang nicht schlafen kann oder sehr früh aufgewacht ist.

Durch seinen ganzen Krankheitsverlauf ist Detlef weiterhin sehr eingeschränkt und kann längst nicht die Arbeiten übernehmen, die er gerne machen würde. Er kocht mittlerweile wieder und übernimmt den Abwasch. Auch bei den Spaziergängen begleitet er mich und wenn die kleine Dame nicht zieht, tut es ihm gut, sie wieder an der Leine halten zu können.
Doch alles andere ist außerhalb seiner Möglichkeiten. Er darf nichts heben, nichts tragen, alles strengt ihn noch sehr an und erschöpft ihn.

Mir ist bewusst, dass sich das nach und nach ganz langsam wieder ändern wird, doch ist es so, dass auch ich – nicht nur körperlich – ziemlich erschöpft bin. Mein Körper fragt nach Ruhe, Entspannung und Schlaf und gleichzeitig bin ich zu überdreht um ihm das geben zu können. Selbst seine Notbremsung, eine Grippe, hat mich nur ein kleines bisschen stoppen können. Mir ist bewusst, dass das nicht gut ist. Dass ich gerade jetzt, wo das Schlimmste überstanden ist, endlich wieder Kraft tanken muss. Zumal ich weiterhin für das Meiste alleine zuständig sein werde.

Doch das ist gar nicht so einfach. Versuche ich zu meditieren oder einfach zu ruhen, dreht das Gedankenkarussell. Jeder Gedanke versucht auf sich aufmerksam zu machen. Und hat einer die Oberhand gewonnen, hat er sofort die inneren Gespenster im Boot, die auf sich auf meinen Schultern breit machen und lautstark diskutieren. Teilweise schaffen sie es sogar, dass ich, statt zu Entspannen, voll aufdrehe, meine Beine zucken, mein Körper juckt und ich regelrecht aggressiv werde.
Zwinge ich mich dazu, mich hinzusetzen und nichts zu tun oder mit meinem Mann zu netflixen, muss ich meine Hände beschäftigen, sonst suche ich permanent nach Essen. Naja, davon profitieren ja so manche Familienmitglieder und Freunde. Sie bekommen warme Socken, einen Bikini, ein Kleidchen, eine Strickjacke. Und Spaß macht es mir auch. Also da gibt es Schlimmeres.
Dennoch ist es wichtig, dass ich von dem Sorgen – und Leistungsmodus endlich wieder herunter komme. Dass ich mir Zeit dafür nehme, das zu tun, was mir Freude bereitet und gut tut. Dass ich mich auf mich und meinen Körper besinne. Wieder Verbindung zu mir bekomme, meine innere Stimme wieder besser höre.

Ich übe mich jetzt also darin, mich auch mal einfach in die Sonne zu setzen und ein Buch zu lesen. Oder mal wieder ein Kapitel in meinem Buch zu schreiben. Endlich wieder ein Bild für mein Kinderbuch zu malen oder die Kindergeschichte einer Freundin zu illustrieren. Und um meinem Körper Gutes zu tun, will ich mein Trampolin wieder in meinen Tagesablauf integrieren.

Und damit die Umsetzung funktioniert, greife ich auf ein bewährtes Werkzeug zurück: den Tagesplan. Einen Plan, in dem nicht nur die zu erledigenden Aufgaben vermerkt sind, sondern auch Zeiten für die Sachen, die ich gerne mache, Pausen, Ruhezeiten, Hundetraining und auch Essenszeiten.
Ich hoffe, dass ich so allmählich zurück zu meiner Mitte finde, Kraft schöpfen und wieder mehr Leichtigkeit verspüren kann.
Denn dann schaffen wir auch die nächsten Monate, egal was kommt.

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