Kunst auf Reisen

Kunst quer durch Europa

Vom Grenzen setzen und an Grenzen stoßen

Als es klar wurde, dass Detlef einer Bypass-Operation unterzogen wird, habe ich für mich klare Grenzen gesetzt und entschieden, nicht zu recherchieren, was das bedeutet.
Denn neben jeder Aufklärung, wie die Operation abläuft und was dabei gemacht wird, hätte ich Auflistungen, Erfahrungsberichte, Warnungen erhalten, was passieren kann, was schief gehen und welche Folgen diese Operation mit sich bringen kann.
Das wollte ich mir nicht antun. Es war definitiv klar, dass es zu diesem Zeitpunkt keine Alternative gab. Die Operation war unumgänglich, egal welche Risiken damit verbunden waren.

Ich wollte mir bewusst so wenig wie möglich Gedanken machen, sondern einfach nur für Detlef da sein.

Am Tag vor der Operation teilte mir die Schwester mit, dass ich nach der Operation nicht vorbei kommen bräuchte, da er auf die Intensivstation käme und sowieso nur schlafen würde. Der Arzt würde mich nach der Operation anrufen und mir mitteilen, wie es Detlef geht. Ok. Das war logisch.

Also wartete ich auf den Anruf. Um 7 Uhr sollte Detlef in den OP kommen + ca 4 Stunden angekündigte Operationsdauer, also müsste er so gegen 11 fertig sein. Aber kein Anruf kam ….
Naja, es kann sich ja der Operationsbeginn etwas verspätet haben, sie werden schon noch anrufen ……
Mittlerweile ist es 14 Uhr und ich habe gefühlte 2 kg Schokolade verdrückt. Nervennahrung pur…. Meine Anspannung ist kaum noch auszuhalten. Mein Hirn fängt an Szenarien zu entwickeln….
Um 14:30 Uhr bin ich ein Nervenbündel vom Feinsten und rufe im Krankenhaus an. Ich bekomme die Durchwahl für die Intensivstation, die Schwester teilt mir mit, dass Detlef vor 10 min aus dem Operationssaal gekommen ist und der Arzt mich gleich zurück rufen würde.
Also wieder warten……
15 Uhr und noch immer kein Rückruf. Ich rufe erneut an. Die Schwester verbindet mich mit einem der Ärzte, der mir versichert, dass Detlef die Operation gut überstanden hätte, es würden nun noch Röntgenaufnahmen gemacht und dann wären sie „vorsichtig optimistisch“ ihn dann wach werden lassen zu können. Ich könne aber gerne abends noch einmal anrufen.

Abends erfahre ich, dass die Laborwerte noch nicht in Ordnung sind, was nach einer solchen Narkose und OP nicht ungewöhnlich wäre. Er würde noch immer beatmet, aber der Kreislauf sei stabil. Er würde noch immer schlafen und sie schauen, wann sie ihn aufwachen lassen können. Der Arzt sagt zwar, dass das alles ganz normal sei und es Detlef der Situation entsprechend gut gehen würde – doch beruhigt bin ich nicht.

Mir rutschte das Herz in die Hose. Ist doch etwas schief gelaufen? Ist da was, was sie mir nicht sagen wollen? Ist Detlef der 1 : 100000 oder so Fall, der aus der Narkose nicht mehr aufwacht?
Mein Hirn leistet beste Phantasiearbeit. Es malt in den buntesten Farben die schlimmsten Szenarien aus.
Wie soll ich denn mit dieser Information schlafen????? ….. gar nicht….. Jede Menge Tränen fließen….

Nach einer wachgelegenen Nacht starte ich wieder einen Anruf zur Intensivstation: Es geht ihm soweit gut und hätte schon ein paar Worte mit den Ärzten gesprochen. Sie seien zuversichtlich, dass er im Laufe des Tages noch auf die Zwischenstation verlegt würde.

Nachmittags rufe ich erneut an und kann ihn dann besuchen. Allerdings nur für ein paar Minuten, da er sehr müde ist. Als ich ihn so sehe, mit den ganzen Kabel und den Apparaten, bin ich erschüttert. Ist erschüttert das richtige Wort? Oder ist es eher Traurigkeit? Ich kann es nicht sagen. Er sieht so richtig krank aus, so verletzlich, so schwach. Es kostet mich so viel Kraft diesen Anblick auszuhalten.
Er redet nur ein paar Worte mit mir, doch die haben keinen Zusammenhang. Er ist total durcheinander. Was er allerdings klar kommuniziert, ist, dass ich am nächsten Tag nicht kommen brauche, da er sich viel zu schwach fühle.

Gut. Dann nutze ich die Zeit für mich und suche mir einen Stellplatz mit Aussicht zum Kraft tanken. Zum in der Sonne sitzen, Spazieren gehen, Seele baumeln lassen….. Allerdings muss ich feststellen, dass ich viel zu nervös bin und ein schlechtes Gewissen habe, ihn nicht doch zu besuchen.

Nach 3 Tagen Zwischenstation ist es endlich so weit. Detlef wird auf Station verlegt. Jetzt geht es mir etwas besser. Ich habe das Gefühl, dass dieser Schritt eine Bestätigung ist, dass sein Gesundheitszustand einigermaßen stabil ist.

Was mich dann aber total irritiert, ist sein Bewusstseinszustand. Er phantasiert, sieht Schatten und Spiegelungen, die sonst keiner sieht, hört Stimmen und Geräusche, die sonst keiner hört, hat Albträume und Wahnvorstellungen.
Eine Unterhaltung ist nicht möglich. Ihm tut es aber gut, dass ich da bin. Seine Hand halte, ruhig auf ihn einrede. Und dann schläft er wieder.

Ich muss noch einmal mit Ivy los zum Strom und Wasser tanken und fahre für die Nacht auf einen Wohnmobilstellplatz. Ich bin furchtbar erschöpft, meine Beine schmerzen wie wahnsinnig, mein Kopf brummt und meine Augen vibrieren. Ich gehe sehr früh schlafen.

Morgens stoße ich dann vollends an meine Grenzen. Unser Akku lädt nicht. Ich kann nicht einschätzen, ob Ladegerät oder Akku defekt sind. Ivy hängt seit 16 Stunden am Strom und der Kühlschrank geht noch immer auf Störung wegen zu niedriger Spannung.

Ich fühle mich total überfordert, hilflos und verzweifelt. Alles kotzt mich an. Im Gegensatz zum Kühlschrank leide ich an viel zu hoher Überspannung – und das seit Tagen. Alle Muskeln und Gelenke schmerzen, ich bekomme Menstruationsblutungen, die ich seit über 7 Monaten nicht mehr hatte. Ich kann nur noch weinen. Mein ganzes System ist ein einziges ERROR.

Zwei Stunden und einen Kakao mit Sahne später, geht es mir wieder besser. Ich rufe Detlef an und erwische tatsächlich einen lichten Moment. Er ist sich sicher, dass das Ladegerät defekt ist und nicht unser Akku.
Das beruhigt mich etwas und ich schaue, wie ich das Teil nun zum Laden überreden kann. Und siehe da. Nach schütteln, rütteln, drehen und wenden, ist es gnädig und lädt. Das gibt mir neue Kraft.
Nun heißt es noch Wasser auffüllen. Das bedeutet den 20l- Kanister befüllen, zur Ivy tragen, auf die Ladefläche hinten hieven und das Wasser mittels Schlauch in den großen Kanister umzufüllen. Und das 3 mal. Mir graut es vor diesem Kraftakt.
Doch es nutzt nichts. Wat mutt dat mutt – wie der Kölner sagt.
Und weil das Leben es gut mit mir meint, schickt es mir einen Camper, der mir schon mal einen Kanister trägt abnimmt. Danke.

Wieder im Krankenhaus ist Detlef noch immer total neben der Spur. Er hat ständig Angst, sein Hundemädchen müsste auf die Intensivstation und wehrt sich davor mit Händen und Füßen. Er redet vollkommen wirr, versteht nichts von dem, was ich mit ihm spreche. Er beantwortet Fragen, die nicht gestellt wurden und stellt Fragen, die völlig unsinnig sind.

Die Krankenschwester erklärt mir, dass es sich dabei um das sogenannte Durchgangssyndrom handelt. Ein unerklärliches Symptom, welches gerade bei Menschen sehr häufig auftritt, die am Herzen operiert wurden. In der
Regel dauert diese Phase längstens bis zum 7. Tag nach der Operation.
Es bleibt also nur, die Zeit für sich arbeiten zu lassen.

Und am nächsten Tag, am 7. Tag nach der Operation, gehen diese Symptome tatsächlich merklich zurück. Das tut gut und nimmt mir massiv Druck.

Die neu gewonnene Klarheit, seine Fortschritte, sein Gehen üben – alles Zeichen, dass er auf dem besten Weg ist. Und gleichzeitig merke ich, dass ich dringend für mich eine Auszeit brauche. Gerade jetzt, nachdem eine große Last von mir abgefallen ist und Detlefs geistiger und körperlicher Zustand weitestgehend gesichert ist….

Daher verbringe ich jetzt ein paar Tage bei unserem Freund Ronny. Er hat mich im richtigen Moment dazu überredet. Außerdem kann ich bei ihm mit Ivy vor dem Haus stehen und Strom tanken kann.
Es tut mir gut, andere Themen zu besprechen, zu lachen, mal wieder zu schreiben, ausgiebig mit den Hunden zu gehen (was hier prima möglich ist). Ich nutze Dusche, Kaffeevollautomat, Waschmaschine und Trockner und merke, wie ich langsam aber sicher wieder zu Kräften komme.

2 comments on “Vom Grenzen setzen und an Grenzen stoßen

  1. Denise

    Vielen Dank, liebe Tatjana, dass du auch diesen Teim eurer Reise mit uns teilst. Weiterhin alles Gute für euch ❤❤❤

    1. Tatjana

      Liebe Denise, wenn ich andere Menschen ermutigen will durchzuhalten, dann gehört auch dazu zu zeigen, dass ich auch mit Tiefs, Sorgen und Ängste kämpfe. Danke für deine lieben Wünsche.
      Wenn Detlef wieder auf den Beinen ist, dann MÜSSEN wir endlich ein Treffen organisieren.

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